Der Kiebitz – Vogel des Jahres 2024

Der Kiebitz

Mit einem Anteil von 27,8 % aller abgegebenen Stimmen hat der NABU den Kiebitz zum Vogel des Jahres 2024 gewählt. Steinkauz und Rebhuhn folgten ihm in der Wahl, erhielten aber nur jeweils ca. 22% aller Stimmen.

Er ist schon bemerkenswert, dass dieser ehemals häufige Wiesenvogel fast überall verschwunden ist. Die Trockenlegung von Feuchtwiesen, sowie die intensive Landwirtschaft raubten ihm den Lebensraum. Die heute übliche frühe Wiesenmahd lässt keine erfolgreiche Brut und kein erfolgreiches Aufwachsen der Jungvögel mehr zu.

Nach einer Brutdauer von 26 – 29 Tagen schlüpfen in der Regel vier Jungkiebitze. Sie suchen ihre Nahrung vom ersten Lebenstag an selbstständig. Dabei werden sie von ihren Eltern gegen Fressfeinde geschützt. Die Eltern führen ihre Jungen zu den besten Nahrungsquellen und hudern die kleinen hochbeinigen Wollbällchen bei Bedarf.

Der Kiebitz gehört zu den Regenpfeifern, ist schwarz-weiß gefärbt und etwa taubengroß. Sein Gefieder glänzt im Licht metallisch grün oder violett. Den Kopf ziert eine Holle aus Federn. Sie ist beim männlichen Vogel länger als beim weiblichen.

Der Kiebitz
Der Kiebitz

Akrobat der Lüfte

Seine Balzflüge im Frühjahr, begleitet von lauten Kiewit – Kiewit, sind etwas ganz Besonderes. Der schwarz-weiße Vogel streicht dicht über den Boden. Plötzlich steigt er senkrecht in die Luft, fast dreißig Meter hoch. Dort scheint er still zu stehen, kippt ab, um sich mit lautem „Kiewit“ kopfüber wieder in die Tiefe fallen zu lassen.

Dieser Sturzflug ist ein atemberaubendes Kunstflugprogramm. Der Vogel wirft sich auf den Rücken, vollführt zwei oder drei vollständige Rollen und fängt den Flug erst dicht über dem Boden ab. Seine Vorstellung ist so rasant, dass man fürchtet er würde als „Bruchpilot“ enden.  Stattdessen fliegt er jetzt parallel zum Boden. Er kippt dabei über die Seite und stellt seine Flügel senkrecht (Messerflug). Etwa alle fünf Flügelschläge wirft er sich ruckartig auf die andere Seite, steilt auf, um am Ende seiner Vorstellung im leichten Bogen wieder zu landen. Dort hält der Kunstflieger seine Schwingen noch einige Sekunden senkrecht hochgestreckt, als müsse er sie erst abkühlen.

Die Flugmanöver werden von „wuchtelnden“ Fluggeräuschen, die spezielle Schallfedern an den Handschwingen des Vogels hervorrufen, begleitet.

Mit dieser akrobatischen Vorstellung sagt er allen ihm zusehenden Weibchen: „Ich bin der Größte, der Schönste und ich kann meine Brut gegen jeden Feind verteidigen. Nehmt mich!“
Der Kiebitz benötigt große Flächen ohne höheren Bewuchs, auf denen er Feinde rechtzeitig erkennen und durch seine Angriffe vertreiben kann (Feuchtwiesen und Moore). Die Rufe des Vogels alarmieren seine Nachbarn. Mit ihnen gemeinsam kann er fast alle Feinde vertreiben.

Der Kiebitz, ein Teilzieher

Die in Deutschland brütenden Kiebitze sind Teilzieher. Ein Teil der Vögel bleibt während milder Winter bei uns, während der andere Teil in die Niederlande, nach Frankreich oder nach Spanien zieht. Die an unseren Küsten überwinternden Kiebitze stammen aus den östlichen oder nordöstlichen Weiten Europas.

In großen Trupps fliegend, „wuchteln“ sie über die Felder und begrüßen schon im Februar das beginnende Jahr. Sie sind unsere ersten Frühlingsboten und wurden daher zu allen Zeiten gern gesehen.

Unsere niederländischen Nachbarn und das erste Kiebitzei des Jahres.

Bei unseren niederländischen Nachbarn hat sich bis in den frühen siebziger Jahren ein Brauch erhalten, der erst vom damaligen Prinzen Bernhard abgeschafft wurde.
Nach langem Winter suchten die Niederländer Eier für ihren Frühstückstisch. Das allererste gefundene Kiebitzei wurde alljährlich dem Königshaus durch den Finder dieses Frühlingsymbols übergeben.

Um den Kiebitz zu schützen, bat Prinz Bernhard alle Niederländer keine Eier mehr zu suchen und von dem alten Brauch Abstand zu nehmen.

Seitdem landen auch bei unseren Nachbarn keine Kiebitzeier mehr auf dem Frühstückstisch. 

Verlust eines Habitats

In einer großen Feuchtwiese, auf dem Gebiet der Stadt Dorsten, brüteten alljährlich bis zu 15 Paare des schwarz-weißen Vogels. Das war für Nordrhein-Westfalen eine Besonderheit. Die Prädatoren, wie der Fuchs und vor allen Dingen der Weißstorch nahmen von Jahr zu Jahr zu. Gleichzeitig versuchte man die Fläche durch den Einsatz von Wasserbüffeln freizuhalten. Die Büffel fraßen ganzjährig Gras und junge Gehölze, ließen aber die Schwertlilie und alle Binsen stehen. Sie machten das Gelände für den Kiebitz unübersichtlich.

Anfänglich standen dort 9 Wasserbüffel. Die Herde vermehrte sich auf 16 Tiere. Das war offensichtlich zu viel.

An einem Samstag, mitten in der Brutzeit, erhoben sich alle Kiebitze mit lauten Rufen in die Luft und blieben fortan verschwunden. Ein wichtiger Standort dieses herrlichen Vogels wurde aufgegeben. Die Lebensbedingungen hatten sich zum Nachteil für die Gaukler der Lüfte geändert.

Wie kann dem Kiebitz geholfen werden?

Wenn wir dem Vogel aber auch allen anderen Wiesenvögeln helfen wollen gilt es, zusammen mit dem Naturschutz, Habitate zu erhalten (Biotoppflege) oder wieder herzustellen (Biotophege).

Die Bejagung der Prädatoren ist sicherlich eine Aufgabe, die uns Jäger fordert. Der Bruterfolg von Vögeln ohne Fuchs und Co., z. B. auf unseren ostfriesischen Inseln, ist um 90% höher als der auf dem Festland.

Gerd Tersluisen
(Hegering Gladbeck)

Quellen:  Internetseite „NABU“
               Im grünen Dämmerlich, von Erich Marek, Verlag Oertel+Spörer
               Enzyklopädie der europäischen Vogelwelt, Verlag Tosa