Von Gerd Tersluisen (Hegering Gladbeck)
Bei der alljährlichen Wildbestandsaufnahme im heimischen Rehwildrevier, kam es wieder einmal zu großen Überraschungen. Es zeigte sich, dass die Qualität der Gehörne, offensichtlich aufgrund des strengeren Winters und des nasskalten Frühjahres, unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre lag.
Es war schon auffällig, wieviel wirklich alte Böcke (7 Jahre +) vorhanden waren. Diese Böcke sind außerhalb der Jagdzeit gut zu sehen. Sie prahlen oft mit ihrer zurückgesetzten Kopfzier.
Während der Jagdzeit aber, entziehen sie sich gekonnt den Augen der Jäger. In den letzten Jahren hat sich die Landwirtschaft in unserem Gebiet stark umgestellt. Die Schweinemast wurde aufgegeben und die Erzeugung von Milch und Bio-Sprit angehoben.
Dadurch gibt es sehr große Flächen, die dem Maisanbau vorbehalten sind. Und dieser Maisanbau kommt dem Schutzbedürfnis unseres Rehwildes sehr entgegen.
Selbst in der Blattzeit sind die Rehe kaum aus den Maisplantagen herauszulocken.
In diesem Jahre begegneten mir zwei alte Rücksetzer, die ich Ihnen heute einmal vorstellen will.
Wir schrieben den 15.04.2026. Ich hatte einen Teil des Reviers schon abgesessen und die sich zeigenden Rehböcke mit der Kamera festgehalten.


An diesem Tage saß ich an einer Pferdekoppel. Vor mir eine Wiesenfläche mit Silogras, hinter der sich ein Feld mit abgestorbenen Senfstengeln anschloss. Dahinter die Weite der Felder des Revieres.
Auf der rechten Seite des Hochsitzes befindet sich in einer Entfernung von 180 – 80 Metern eine Schlehen- und Brombeerenhecke. Sie ist in der aufgeräumten Feldlandschaft ein beliebter Treffpunkt aller Wildtiere.
Die von mir genutzte niedrige Kanzel ist mir sehr ans Herz gewachsen. Viele unzählige Male habe ich hier angesessen, sah den Wanderfalken jagen, lockte den Fuchs bis auf wenige Meter vor meine Kamera, beobachtete den Fasanenhahn, Rehe ohne Ende, viele Hasen, aber auch Nachbars Mieze, die sich heimlich in die Hecke verdrückte.
Um die Kanzel zu erreichen, muss ich unter einen Elektrozaun hindurchkriechen. Das hat mir im Leben schon zweimal eine gebrochene Rippe eingebracht. Mein Mobiltelefon saß immer in der falschen Brusttasche meiner Jagdjacke.
Bei uns sagt man: „Man wird alt wie eine Kuh und lernt nicht dazu!“
Doch nun zu dem Abnormen. Kaum hatte ich mich auf der Kanzel eingerichtet, hörte ich Traktorenlärm. Ein befreundeter Landwirt fuhr mit seinem Agrarpanzer auf die Senffläche, um sie umzubrechen.
„Na, Prost und Mahlzeit!“, schoss es mir durch den Kopf. „Der Ansitz ist gelaufen“.
Dann aber kam mr der Gedanke, dass der wahnsinnig schnelle Traktor doch die beste Treiberwehr darstellt, die man sich vorstellen kann. Also blieb ich sitzen, um zu sehen, was mir der Nebenerwerbslandwirt aus dieser Fläche zudrücken würde.
Und es kam genauso wie erhofft.
Kaum hatte er die ersten Längszeile des Feldes umgebrochen, drückte sich Rehwild aus dem Senf in die vor mir liegende Grasfläche, äste kurz am Feldrand und kam flüchtig bis auf vierzig Meter vor meinen Ansitz. Der Grund war, dass der Traktor den zweiten Arbeitsstreifen wieder zurückfuhr. Ein Böckchen und zwei Ricken standen vor mir.
„Was hat denn der auf dem Haupt!“, schoss es mir durch den Kopf. „Das Gehörn ist ein Witz!“
Auf starken Rosen, standen zwei kaum lauscherhohe Stängelchen, die in Längsrichtung eine tiefe Kerbe zeigten.
Aus der Rose der rechten Stange wuchsen zwei kurze Enden, die das ganze Gehörn zu etwas Besonderem machten.
Ich kannte den Bock schon seit vielen Jahren. Er war immer schwach, etwas „mickerig“, wie man hier sagt. Er wusste offensichtlich, dass seine Lebenserwartung sehr begrenzt war und zog seine Schlüsse daraus. Er narrte uns Jäger und blieb zur Jagdzeit immer verschollen.
Schauen Sie sich sein Gehörn einmal an. Es ist schon etwas sehr Eigenartiges.
Zwei Tage später saß ich wieder auf der gleichen Kanzel. Ich wollte gar nicht glauben das der Bock, wie jedes Jahr, diesen Einstand für sich behaupten konnte.
Doch er konnte es. Kaum saß ich an, erschien er auf der umgebrochenen Fläche. Als er näherkam, erkannte ich in ihm aber einen anderen Bock und nicht den Abnormen.
„Na, das wird jetzt aber lustig!“, schoss es mir durch den Kopf.
Der zweite Bock, ebenfalls ein alter zurückgesetzter Kümmerer, zog zügig in die Wiese, bis auf 40 Meter vor meinen Sitz. Das hätte er aber nicht tun sollen. Der Abnorme schoss nunmehr wie der Teufel aus der hohen Wiese und trieb den Ankömmling bis auf das abgemähte Senf-Feld. Dort begannen ein eifriges Plätzen und Imponieren, sodass die Stängel des Senfs nur so flogen. Zu einem Kampf kam es aber nicht.
Der neue Bock hatte im vergangenen Jahre ein hohes Gehörn mit dünnen Stangen, das nur eine schwache Vereckung zeigte. Die Grenze seines Einstandes befand sich genau an der großen Schlehenhecke. Die zu überschreiten, war sein Fehler.
Auch dieser Bock ist ein alter Herr, der zum Abschuss vorgemerkt wurde. Ob es in diesem Jahre klappt? Den einen oder anderen Jäger wird er sicherlich gefallen.
Bildnachweis:
- Rehwild: Gerd Tersluisen
- Rehwild: Gerd Tersluisen
