An klaren Gewässern mit reichlich vorhandener Fischbrut ist er zu sehen, unser Haubentaucher.
Er gehört zur Gruppe der Lappentaucher. Mich hat dieser Vogel seit meiner frühesten Jugendzeit schon begeistert.
Mein Vater war es, der mit mir einen Spaziergang am Nordparkteich unserer damaligen Nachbarstadt Gladbeck unternahm. Ich zählte gerade 14 Jahre und besaß seit vier Jahren ein eigenes Fernglas, „mein Nachtglas 7×50“. Das wurde bei jedem Spaziergang mitgenommen. Durch dieses Fernglas begann ich, die Natur eindringlich zu beobachten und über lange Jahre hinweg auch zu verstehen.



Am Nordparkteich beobachtete ich zum ersten Male einen schlichten Vogel, der dunkelbraun und schneeweiß daherkam und sofort, als er uns erblickte, tauchend unter der Wasseroberfläche verschwand. Aber, wo ist der Kerl nur geblieben, dachte ich und suchte die Wasserfläche ab. Er war weg. – Nein, dahinten in 100 m Entfernung, tauchte der Vogel plötzlich wieder auf, blickte immer wieder zu uns herüber und schwupp, weg war er wieder. Der Vogel interessierte mich sehr, zumal ich seine prächtig Kopfhaube sofort erkannte, die ihn nicht nur zu einem sehr schönen, sondern auch zu einem äußerst interessanten Taucher machte. Der Vogel hatte mich gepackt.
Es verging seitdem nicht ein einziges Jahr in dem ich den Teich nicht besuchte. Ich wollte diesen schönen Taucher beobachten und mit meinen damals bescheidenen Mitteln auch fotografieren. – Und was ich alles erlebte.
Der elegante Vogel erschien oftmals im Februar und beschlagnahmte sofort sein Revier, das er gegen jeden Eindringling mit Schnabelstichen und Flügelschlägen verteidigte. Bei seinen Revierkämpfen ging es so richtig zur Sache. Die Taucher schenkten sich nichts und kämpften verbissen. War der Brutpartner schon vorhanden, kämpfte das Paar zusammen gegen den Eindringling.
Gleichzeitig begann die Balz. Sie gehört zu den eindrucksvollsten Erlebnissen, die die Natur mir zu bieten hatte. Laute Rufe, wie „weck, weck, weck“, ein rollendes „korrrrr, korrrrr, korrrrr“, oder ein trompetendes „ää, ää, ää“, machten auf den Hochzeitstanz der Vögel aufmerksam.
Die beiden prächtigen Taucher richteten sich Brust an Brust auf (Pinguintanz), schüttelten die Köpfe und tauschten Wasserpflanzen aus. Dabei sträubten sie ihre prächtig gefärbten Federn am Kopf.
Mit diesem Balztanz erklärten sich offensichtlich beide Vögel, dass sie in diesem Jahre gemeinsam Jungvögel großziehen wollten.
Unmittelbar nach diesem Hochzeitstanz begann die Herstellung eines schwimmfähigen Nestes, dass an festen Pflanzen verankert wurde. Das Nest bestand aus kleinen Zweigen und erhielt obenauf eine Schicht aus vermoderten Wasserpflanzen. Auf diesem Nest fand der Tretakt statt. Dazu legte sich der weibliche Vogel lang ausgestreckt hin und rollte ein lautes „korrrr, korrr, korrrr‘“ über den Teich. Das sollte wohl heißen: „Lieber Ehemann, komm bitte deiner Pflicht nach!“
Der männliche Vogel schwamm zuerst unschlüssig um das Nest herum, bestieg es aber sehr schwerfällig und genoss die Freuden einer zukünftigen Vaterschaft. Anschließend verließen beide Vögel das Nest, richteten ihr Gefieder und schwammen in den Teich. Dort stellten sie sich gegenüber, sperrten weit ihre Schnäbel auf und rollten wieder ihr „korrr, korrr, korrr“ über die Wasserfläche. Dabei richteten sie ihre wunderschönen Hauben auf und schüttelten abwechselnd ihre Köpfe. Der eine Vogel machte stets das, was ihm der andere Vogel vormachte. So etwas nennt der Ornithologe Synchrontanz. Mit diesem Tanz versicherten sich die Tänzer offensichtlich ihre tiefe Verbundenheit.
Anschießend ging man wieder seiner Hauptbeschäftigung nach, dem Fischen. Übrigens: Ich sah nur in der Zeit der Jungenaufzucht einen Haubentaucher mit Beute im Schnabel. Offensichtlich verzehrten die Taucher ihre Beute stets unter Wasser.
Interessant war aber auch, dass man den Tauchgang der Haubentaucher verfolgen konnte.
Seine „Frühstücksbrötchen“, kleine Weißfische, sprangen plötzlich aus dem Wasser und versuchten zu flüchten. Das gelang ihnen aber nur zwei- oder dreimal. Dann war es mit ihnen vorbei.
In der Regel bestand ein Gelege aus drei Eiern. Ich erlebte es einmal, dass das Paar fünf Eier legte, aus denen vier Küken schlüpften. Das fünfte Ei war zwar angepickt, wurde aber von der Mutter letztlich aufgegeben.
Die Jungvögel waren sofort schwimmfähig und sprangen dem Vater vom Rand des Nestes aus entgegen. Die Mutter folgte, badete und putzte zuerst ausgiebig ihr Gefieder. Man sah ihr richtig an, dass sie froh war, das leidige Brutgeschäft endlich hinter sich zu haben.
Anschließend forderte sie die Küken auf, ihren Rücken zu besteigen und unter ihren Schwingen auf Futter zu warten.
Die ewig hungrigen Jungvögel besaßen einen grau-weiß gestreiften Kopf und hatten rote Augen. Ihr erstes Futter rupften die Eltern aus ihrem Gefieder. Ja, die Jungen erhielten zuerst Federn der Eltern. Anschließend wurden Sie mit kleinen Wasserinsekten gefüttert. Diese Beobachtung versetzte mich in Erstaunen, hatte ich bis dahin von einer Fütterung mit Federn noch nichts gehört.
Ab nun begann für die Jungvögel ein Leben aus Fütterung und ewigem Hunger. Den Schnabel konnten sie nicht halten. Sie hielten ihre Eltern stets auf Trapp.
Ein Leben als junger Haubentaucher ist allerding sehr gefährlich. Nur einige wenige werden flugfähig. Die meisten fallen Prädatoren, wie dem Hecht oder dem Graureiher zum Opfer.
Von den vier Jungvögeln, deren Schlupf ich beobachten konnte, überlebte im Schlupfjahr nur ein Vogel.
Die hier geschilderten Erlebnisse erfolgten über mein ganzes Leben hinweg und summierten sich auf. Sie sollen aber den Lesern ein Ansporn sein, ihre Ferngläser auf allen Spaziergängen mitzunehmen. Nicht nur Reh, Hirsch, Sau, Hase oder Fasan sind spannende Lebewesen, für die man ein Fernglas nutzt. Für die Vogelwelt der Heimatstadt lohnt es sich immer, ein Glas mitzunehmen und auch einzusetzen.
Übrigens, mein erstes Glas existiert noch immer und ruht als „Glas für alle Fälle“ in meinem PKW.
Gerd Tersluisen (Hegering Gladbeck)
Quelle: „Was fliegt denn da?‘“ Verlag Kosmos.
