Warum benötigen wir Natur- und Umweltschutzschutz?

Von Gerd Tersluisen (Hegering Gladbeck)

Die Auswirkungen nicht durchgeführten Natur- und Umweltschutzes spüren wir alle heute hautnah. Darum möchte ich hier Argumente für diese Schutzaufgaben liefern, Argumente, die uns alle betreffen.
Bitte erlauben Sie mir einmal zurückzublicken und damit uns allen die zwingende Notwendigkeit des Natur- und Umweltschutzes vor Augen zu führen.

Der Beginn der Menschheit.

Ca. 1 Mill. Jahre lebte der Mensch mit der Natur im Einklang. Als Jäger erlegte er Tiere zur Ernährung seiner Sippe. Später wurde er sesshaft und entwickelte langsam Ackerbau und Viehzucht. Während der ges. Zeit nutzte er die Natur. Eine Übernutzung war weitgehend ausgeschlossen, da er sich ja sonst seiner Nahrungsquelle beraubt hätte.
Die Landwirtschaft hatte für ihn enorme Vorteile. Nur so ist es zu erklären, dass die Jäger sesshaft wurden und statt der damals bekannten Jagdwaffen nunmehr Ackerwerkzeuge in die Hand nahmen. Die Sippen hatten so eine bessere Nahrungsgrundlage.

Artenschwund ab dem Jahre 1900. 

Bis zum Jahre 1900 verschwanden 200 Arten durch menschlichen Einfluss für immer von unserem Erdball. Von 1900 – 1970 verschwanden rund 2000 Arten durch menschlichen Einfluss. Ab 1970 verschwinden, laut wissenschaftlicher Aussage, jährlich ca. 17500 Arten unwiederbringlich durch menschlichen Einfluss von unserem Erdball. Mittlerweile ist diese Zahl auf 58000 Arten jährlich hochgesetzt worden. Die Zahlen werden von einzelnen Wissenschaftlern angezweifelt und von Journalisten kritisch hinterfragt.
Ob sie nun stimmen, oder nicht, sie zeigen eine deutliche Tendenz auf.

Der Schaden, den der Mensch der Natur zufügt geht ins Unermessliche.

Was wäre, wenn der Mensch den Schimmelpilz Penicillium notatum für immer der Erde entzogen hätte, bevor der Engländer Alexander Fleming, Träger des Nobelpreises, aus ihm den Wirkstoff Penicillin separierte?
Der Welt wär ein medizinischer Segen verschlossen geblieben.
Alleine diese Tatsache zeigt, dass Naturschutz keine Sentimentalität, keine Selbstlosigkeit und keine Idee „grüner Spinner“ ist.

Naturschutz liegt im konkreten Selbstinteresse der Menschheit und ist deren wichtigstes Gebot.

Die Hälfte aller heute bekannten Medikamente geht auf Substanzen von ca. 2000 Arten aus der Natur zurück. Für die Menschheit ist der Wert aller anderen Arten noch gar nicht bekannt. Mittlerweile wendet man sich der Natur intensiv wissenschaftlich zu. Man untersucht dabei sogar die Bewegungsabläufe verschiedener Tiere, wie z. B. der Flughörnchen und imitiert sie mit Robotern.  Man beginnt langsam die Lebewesen in der Natur als wertvolle Ressource für die Menschheit zu verstehen und sie entsprechen zu erhalten.

Moderne Landwirtschaft und Artenrückgang

Bis zum Jahre 1840 dümpelte die Landwirtschaft mehr schlecht als recht vor sich hin.
Schon früh erkannte der Mensch, dass der von ihm bestellte Acker nur eine kurze Zeit ordentliche Erträge brachte. Er verlor seine Kraft und musste sich regenerieren. So erfand man die Dreifelderwirtschaft. Zwei Jahre konnte ein Feld nacheinander mit unterschiedlichen Pflanzen in bestimmter Fruchtfolge bewirtschaftet werden.
Das dritte Jahr aber, galt der Erholung der Ackerkrume. Nur so konnte die Leistungsfähigkeit des Bodens erhalten werden. Der Acker lag brach (Brachflächen). Er war ein Paradies für Wildtiere. Niederwild gab es damals in heute unvorstellbaren Massen.

Die Revolution in der Landwirtschaft.

Die Revolution der Landwirtschaft erfolgte durch den Chemiker Justus Freiherr von Liebig, der um 1840 den Kunstdünger erfand und später diesen Dünger mit Hilfe des Industriellen Carl Bosch wirtschaftlich herstellte und vermarktete.
Das war ein Segen für die Ernährung der Bevölkerung, konnte man doch sofort schlagartig die landwirtschaftliche Produktion um 50 % steigern. Brachflächen entfielen. Alle Flächen waren jetzt ganzjährig zu bewirtschaften. Zur damaligen Zeit, in der ein Krieg den anderen jagte und die Bevölkerung ernährt werden musste, war dieser Umstand ein Segen für die Herrschenden.
Da die Bevölkerung oft hungerte, vor allen Dingen nach entbehrungsreichen Kriegen, fand die Produktion von Lebensmitten stets höchste Priorität. Für Naturschutz hatte man kein Verständnis. Naturschutz fand einfach nicht statt. Böden und Moore wurden bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts trockengelegt, um möglichst jeden Quadratmeter land- und forstwirtschaftlichen Bodens gewinnbringend zu nutzen, aber auch, um der Mückenplage Herr zu werden. Tiere, wie z. B. der Graureiher wurden rücksichtslos bekämpft. Sie waren schließlich Nahrungskonkurrenten des Menschen.
Ja selbst der Eisvogel wurde bejagt, lebte er doch von der wertvollen Fischbrut.
Wildtiere wurden damals in „nützlich“ und „schädlich“ unterschieden. Das ist heute kaum vorstellbar, aber der Gesamtsituation der damaligen Zeit geschuldet.

Naturschutz und moderne Landwirtschaft

Ein Hauptproblem für den Naturschutz in der Kulturlandschaft stellte die stetig fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft dar. Produktionsdruck, Preisdruck und ständig wechselnde Subventionspolitik der EU führte zum Sterben der Höfe, sowie zur Zunahme der Flächengröße und der Viehdichte (Milchvieh) eines Betriebes. Gleichzeitig kam es zu strukturellen Umstellungen in der Bewirtschaftung, die zu einer deutlichen Reduzierung der Artenvielfalt führten.
Die Umstellung von Heugewinnung auf Gras-Silage und parallel hierzu die großflächige Ausbringung von Gülle (Schwemmmist), anstelle einer Trennung in Festmist und Jauche, war ein solches Problem. Gleichzeitig nahm die Größe und Leistungsfähigkeit der Maschinen zu.
Die enorme Zunahme der Größe der Kreiselmäher und ihre hohe Geschwindigkeit hatten und haben für die Artenvielfalt jedenfalls drastische Folgen.

Welche wesentlichen Auswirkungen hatte diese Entwickelung?

Diese Entwickelung erbrachte die Vorverlegung der Schnittzeitpunkte um mehr als 4 Wochen. Sie lagen somit auch in der Setzzeit des Jungwildes. Die Entwickelung brachte die Erhöhung der Anzahl aller Wiesenschnitte auf 5-7 Schnitte pro Jahr, mehrmaliges Ausbringen von Gülle im Intensivgrünland (meist nach dem Schnitt), das teilweise Ansähen von Silogras ohne jegliche Fremdgräser und Wiesenblumen, sowie den Einsatz von Unkrautvernichtern. All das ging zu Lasten der Natur. In Apfelplantagen wurden die Bäume bis zu 15 Mal gespritzt. Der Verbrauch an Pflanzenschutzmitteln betrug im Jahre1970 
200 Gramm pro Kopf der Weltbevölkerung. Wir betanken unsere Ackerkrume mit Gift und vernichten damit fast alles Leben in ihr.

Für Pflanzen und Tiere ergaben sich daraus folgende Konsequenzen:

Wenn Blütenpflanzen überhaupt noch vorhanden waren, verhinderte die hohe Schnitthäufigkeit bei den meisten Pflanzen einen Samenwurf. Viele Pflanzen wurden dadurch verdrängt.
Häufige Düngung führte zu großer Halmdichte und einem veränderten Mikroklima. Stickstoffliebende Pflanzen nahmen zu.
Der Pflanzenreichtum nahm dagegen stark ab. Anspruchsvolle Pflanzenarten verschwanden. Es blieben, wenn überhaupt, nur Gräser und wenige Blütenpflanzen übrig.
Blütenbestäubende  Insekten fehlten und wurden durch die Gülle oft im Larvenstadium geschädigt. Kröten überlebten auf ihren Wanderungen das Überqueren eines Güllefeldes nicht. Sie verendeten mit schwarzer Haut noch auf den Feldern.  Die Anzahl an Tierarten nahm drastisch ab.
Die Ställe wurden hygienischer. Es gab kaum noch Fliegen. Fliegen sind aber die Nahrung der Schwalben. Daher ist der Rückgang der Mehl- und Rauchschwalben unübersehbar. Ebenso der Rückgang der Feldlerchen. Dieser Rückgang zog den Verlust des Baumfalken nach sich, denn er lebt hauptsächlich von Schwalbe und Co.  So griff ein Rädchen ins andere.

Konsequenzen für das Niederwild

Die Anzahl der ausgemähten Gelege, der ausgemähten Hasen und Kitze, nahm trotz bester Wildretter stark zu. Eine stark verringerte Pflanzenvielfalt reduzierte die Qualität des Äsungsangebotes für alle Wildtierarten, vor allen Dingen für Reh, Hase und Fasan.

Die Rückseite der Medaille

Es ist nicht nur die Landwirtschaft, die uns Probleme bereitet. Ein Großteil der Sorgen geht auf uns zurück. Die Landwirtschaft konnte sich nur so entwickeln, weil unser Kaufverhalten diese Entwickelung forcierte. „Geiz ist nämlich nicht geil!“
Wenn der Landwirt für 1 Kg Lebendschwein 1,42 € erhält und 850 Gr. Hundefutter der Premiumklasse 1,55 € kostet, dann stimmt hier etwas nicht. 1960 zahlten wir monatlich 40% unseres Nettoeinkommens für Lebensmittel. Heute soll dieser Anteil bei 14% liegen.
Das heißt, wir leben auf Kosten der Natur. Muss es denn sein, dass man drei Mal im Jahre zum „Ballermann“ fährt?
Umweltschutz kostet Geld. Das muss der Landwirtschaft über angemessene Preise, oder über staatliche Subventionen, zufließen.

All das sind Gelder, die wir zu bezahlen haben.

Wir bezahlen den „Fortschritt“ heute jedenfalls mit leer gefegten Feldfluren und dem Verstummen der Natur.
Die Natur verschwindet nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im Kleinen. Haus- und Gartenbesitzer schütten Steine in ihre Vorgärten, versiegeln die Böden, pflegen den Rasen im Einheitsgrün. Gänseblümchen und Löwenzahn, Fehlanzeige. Gleichzeitig hängen sie – naturliebend, wie sie sind – Nistkästen und Insektenhotels in ihre Gärten. Vögel und Insekten benötigen allerdings Nahrung, um zu überleben. Wo soll diese Nahrung denn herkommen?

Geländehunger der Politiker

In der Zeit zwischen 2004 und 2014, also in zehn Jahren, wurden in NRW 464 Km² Fläche versiegelt und der Natur entnommen. Das entspricht der addierten Gesamtfläche von Düsseldorf, Mönchengladbach und Oberhausen. Diese Zahlen wurden vom Land NRW bekanntgegeben.
Der Geländehunger betrifft alle Kommunen. Politiker werden nun mal gewählt. Sie halten es für ihre Verpflichtung, durch Ausweisung von immer mehr Produktionsflächen, Arbeitsplätze zu schaffen. Daher werden Straßen gebaut und immer neue Wohngebiete erschlossen. Die Gewerbesteuer füllt den Stadtsäckel und mit ihm werden die Wohltaten, die die Stadt den Bürgern zukommen lässt, auch bezahlt.

Dieser Geländehunger muss gestoppt werden.

Ich hoffe, dass bei diesen Fakten jedem die Wichtigkeit des Natur- und Umweltschutzes etwas klarer geworden ist, dass man jetzt die Notwendigkeit angewandten Natur- und Umweltschutzes besser versteht. Nur durch unseren Einsatz kann ein weiteres Siechtum der Natur gestoppt werden.
Ein „Weiter so“ gibt es nicht.

Diese Notwendigkeit hatte jedenfalls der „Großartigste aller Präsidenten der USA“ nicht erkannt. Seine Dekrete und Gesetzesvorlagen zeigten ganz deutlich, dass in seinem Weltbild die Worte Natur- und Umweltschutz keinen Platz hatten. Für ihn hatte sich der Natur- und Umweltschutz dem Geschäft unterzuordnen. Mit beiden war kein Geld zu verdienen.
Präsidenten wie ihm, muss man auf die Finger schauen. Politiker straft man mit Wahlen ab.

Ohne Natur- und Umweltschutz ist in Zukunft ein menschenwürdiges Leben auf dieser Welt nicht möglich.
Ohne Natur- und Umweltschutz gibt es in Zukunft auch kein nachhaltiges Jagen mehr.

Bei allen Handlungen sollte uns klar sein, dass wir nur Gast auf dieser Erde sind. Verhalten wir uns daher wie ein Gast und nicht wie ein Elefant im Porzellanladen.
Werben wir für den Naturschutz und bringen uns mit unseren Möglichkeiten bei Naturschutzprojekten ein.


 
Quellen: Schützt unsere schöne Natur, Kurt Büchel
               Naturerbe Europa, Umweltstiftung WWF Deutschland
               Schöne Natur im Verborgenen, Umweltstiftung WWF Deutschland
               Das Verstummen der Natur, Angres/Hutter
               Ausbildungshandbücher, Heintges

Gerd Tersluisen (Hegering Gladbeck)