Der Neuntöter

Neuntöter heißt dieser Rotrückenwürger. Er war früher im Volke verkannt. Viele betrachteten ihn als Räuber und Würger, und der Volksmund erzählte, dass erst neun nackte Jungvögel von ihm getötet werden müssten, ehe seine Mordlust gestillt sei. Andere behaupten, dass er die Stimmen der Eltern nachahme, um die Jungen zu betören.
Die Nachahmungsgabe von Vogelstimmen durch den Rotrückenwürger ist nicht zu  bestreiten.
Sein ganzes buntes Potpourri wird aber stets leise vorgetragen und die Stärke und Stimme des Originals wird dabei nie erreicht. Er kennt in seinem Vortrag weder eine Gliederung noch eine Pause.
Jetzt dudelt er das Lied der Goldammer, dann zwitschert er wie eine Schwalbe, darauf lockt er wie ein Rebhuhn und ruft wie ein Drosselrohrsänger.
Er kommt Ende April, Anfang Mai aus seinem Winterquartier. Meist sitzt er auf den obersten Zweigen eines Dornbusches und trägt dort sein Liedchen vor. Von seinem Auslug aus fängt er vorbeifliegende Insekten, oder unter ihm auf dem Boden krabbelnde Käfer. Manchmal rüttelt er, bevor er sich auf seine Beute stürzt. Sein Flug ist geradlinig.
Der Neuntöter spießt seine überschüssige Nahrung auf Dornen und Stacheldrähten auf. So findet man hin und wieder aufgespießte Hummeln, Käfer, Mäuse oder Jungvögel in seiner Speisekammer. In erster Linie ist er ein Insektenjäger.  Er ist in Mitteleuropa die häufigste Art der Würger. In Großbritannien ist er als Brutvogel ausgestorben.
Er genießt unseren „Besonderen Schutz“. Sein Gelege umfasst 3 – 7 Eier mit unterschiedlich gefärbten Tupfen. Sein Nest baut er aus Pflanzenmaterial, über 1 m hoch in Dornbüschen oder auch in Büschen. Die Färbung des Männchens kann man der beigefügten Aufnahme entnehmen. Das Weibchen ist oberseits überwiegend orangebraun; sein Schwanz ist rötlich, der Überaugenstreif ist blass beige; es besitzt eine rahmfarbene Unterseite mit braunen Halbmondflecken. Die Jungvögel ähneln dem Weibchen, sind aber oberseits kräftig gebändert.
Der Vogel hat eine Länge von 17 cm, eine Spannweite von 24-27 cm und ein Gewicht von
25-36 g. Sein Lebensraum ist das sonnige offene Gelände mit Dornbüschen. Durch den Verlust des Lebensraumes, vor allen Dingen der Verlust von Hecken, haben seine Bestände stark abgenommen.
In den deutschen Mittelgebirgen ist ein guter Bestand vorhanden, anders als im landwirtschaftlich intensiv  genutzten Tiefland
Ich kenne hier in der unmittelbaren Nähe meines Wohnhauses vier Brutpaare. Die Aufnahme gelang mir am 09.07.2017 um 07.54 Uhr aus der Beobachtungshütte am Hauptbrunftplatz in der Üfter Mark. Den Vogel konnte ich schon öfter im Feuchtbiotop vor der Hütte in einer Entfernung von ca. 120 m auf seinem Auslug beobachten. An diesem Tag wurden allerdings seine Jungen flügge. Sie flatterten und hüpften neben der Hütte in den Lärchen herum, allerdings so ungünstig, dass an eine Aufnahme nicht zu denken war. Plötzlich  saß  aber das adulte Männchen in einer Entfernung von 6 Metern vor mir. Es ließ drei schnelle Aufnahmen zu, dann war der Ast leer. Das nennt man Dummenglück.

Gerd Tersluisen, Hegering Gladbeck

Quellen: Enzyklopädie der Europäischen Vogelwelt (Birds of Britain and Europe, 1997 bei  
              AA Pulishing)

                 Vögel in Garten und Feld, Verlag Lingen
                 Was fliegt denn da? Kosmos Verlag