Aktuelles vom Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen vom 11. September 2019

Wald und Wild Positionspapier des Landesjagdverbandes Nordrhein-Westfalen

Dortmund, 11. September 2019 (Landesverband NRW).

Die Waldbesitzer in Nordrhein-Westfalen stehen erneut vor einer riesigen Herausforderung, die manche Betriebe an ihre Existenzgrenze treibt. Mehrere extreme Sturmereignisse der letzten Jahre, die beiden Trockenjahre 2018 und 2019 und die daraus folgende Borkenkäferkalamität in den Nadelholzregionen bedrohen den Wald in NRW mit seinen vielfältigen Wirtschafts-, Schutz- und Sozialfunktionen.

Die Sicherung und Wiederherstellung des Waldes bedürfen gemeinsamer Anstrengungen aller daran beteiligten Gruppen.

Von der Jägerschaft in den betroffenen Regionen ist erneut große Solidarität gefordert, denn ohne ihre Mitwirkung können die Ziele nicht erreicht werden.

Die durch Windwurf und Käferfraß entstandenen Kahlflächen sind ideale Lebenssräume für das Schalenwild, da die Kahlschlagsvegetation reichlich Deckung und Äsung bei gleichzeitiger Besonnung bietet. Die Gefahr besteht nicht allein durch einen vermehrten Verbiss der gerade jetzt besonders gewünschten, sich auf den Flächen entwickelnden Mischbaumarten, sondern auch in der schwer zu kontrollierenden Bestandsentwicklung des Schalenwildes in den kommenden Jahren.

Wir dürfen den Wald nicht sich selbst überlassen. Dies würde die aktuellen waldbaulichen Ziele gefährden, weil sich durch die dann stattfindende natürliche Waldentwicklung der gewünschte Baumartenwechsel zu stabilen Mischwäldern nicht schnell genug umsetzen lässt. (Unter Fichte keimt nur Fichte!) Auch wirtschaftlich und sozial wäre dies angesichts einer Million Arbeitsplätze in der deutschen Forst- und Holzwirtschaft und der Abhängigkeit vieler Waldbesitzer von den Einnahmen aus dem Holzverkauf unverantwortlich.

In dieser Situation hat der Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen seine 65.000 Mitglieder zur Solidarität mit den Waldbauern aufgerufen und seine Positionen zum Wald-Wild-Thema bestimmt:

  1. Der Wald überdauert Generationen, politische Schnellschüsse und „Schwarze-Peter-Spiele“ helfen ihm nicht.
  2. Wir jagen intensiv, aber tierschutzkonform und waidgerecht. Wir Jäger sind gesetzlich verpflichtet, für einen gesunden, artenreichen und angemessenen Wildbestand zu sorgen. Bereits nach dem verheerenden Kyrill-Sturm vor einem Jahrzehnt konnten wir den Verbissdruck auf gefährdete Verjüngungsflächen durch intensive Jagd senken. Die meisten Kyrill-Flächen stehen heute gut entwickelt und vollbestockt da.
  3. Etliche Baumarten brauchen in der Jugendphase aber immer technischen Schutz wie Zäune, auch bei angemessenem Wildbestand. Waldumbau nur mit dem Jagdgewehr wird nicht funktionieren. Wir stehen also für „Wald und Wild“. „Wald vor Wild“ lehnen wir ebenso ab wie einen Totalabschuss oder (fast) ganzjährige Jagdzeiten. Das sehen die meisten Menschen auch so, die sich freuen, wenn sie ein Reh am Waldrand erblicken und den Wald mit Wild lieben.
  4. Aufgrund der Funktionen und Aufgaben des Waldes in früheren Zeiten wurden in den letzten Jahrhunderten und bis in die vergangenen Jahrzehnte hinein viele Laubholzbestände zu Gunsten von Fichte und Kiefer umgebaut. Dies geschah teilweise auch auf Standorten, die gerade für die Fichte nicht immer optimal waren. So ist die Fichte heute mit einem Anteil von 30 Prozent die häufigste Waldbaumart in NRW. Insgesamt machen Nadelbäume 42 Prozent des nordrhein-westfälischen Waldes aus. Bei zunehmender Stressbelastung erfüllt die Fichte nun die erwarteten Leistungen teilweise nicht mehr. Der erst in den letzten Jahrzehnten entstandene umgekehrte Trend hin zu mehr Laubbäumen und Mischwäldern wurde bisher wegen der langen Umtriebszeiten im Forst nur langsam umgesetzt.
  5. Wir fordern Bund, Länder und Kommunen auf, in ihren Wäldern, die etwa die Hälfte der Waldfläche Deutschlands ausmachen, ihrer Vorbildfunktion für den Waldumbau gerecht zu werden und wissenschaftliche Lösungen aufzuzeigen. Die Definition von Artenvielfalt im Wald darf sich nicht auf wenige, zumeist wirtschaftlich interessante Baumarten beschränken. Sie muss Sträucher und Krautpflanzen ebenso einschließen wie die Tierarten. Wälder müssen auch geeignete Lebensräume für Wildtiere sein.
  6. Von 1970 bis 2018 stieg in Deutschland allein der Abschuss von Rehwild um über 88 Prozent auf knapp 1,2 Millionen. Beim Rotwild betrug die Steigerung sogar 108 Prozent mit 76.794 erlegten Tieren im Jahr 2018. Die Jäger leisten schon jetzt sehr viel. Angesichts des Verbreitungsrisikos der Afrikanischen Schweinepest wurden im statistisch zuletzt ausgewerteten Jagdjahr 2017/2018 (31. März) in Deutschland mehr als 820.000 Wildschweine erlegt – so viele wie noch nie in einer Jagdsaison, 66.000 davon in NRW. Das war ein Streckenrekord, den auch die nordrhein-westfälische Jägerschaft zustande gebracht hat.
  7. Es besteht kein Zweifel, dass angesichts der anstehenden Wiederaufforstungsarbeiten der Wildbestand in diesen Bereichen reduziert werden muss. Dass wir dies mit den geltenden Jagdzeiten schaffen, haben wir schon nach Kyrill unter Beweis gestellt. Über weitere praktikable Lösungen lassen wir immer mit uns reden und sind auch hier gesprächsbereit. Auch eine sachgerechte Besucherlenkung nach entsprechender Aufklärung der Bevölkerung darf kein Tabu sein, um die Ziele der Waldsicherung und Waldaufforstung zu erreichen.
  8. Örtliche „Runde Tische“ können kurzfristig Lösungen erarbeiten. Der Landesjagdverband NRW ist bereit, diesen erforderlichen Verständigungsprozess zu unterstützen.
  9. Das rechtliche Instrumentarium, ein angemessenes Verhältnis von Wald und Wild zu regeln, ist jetzt schon ausreichend vorhanden. Der Wildbestand muss nach den einschlägigen Bestimmungen immer angemessen sein. Vereinbarungen zwischen Grundeigentümern und Jagdausübungsberechtigten über bestimmte Abschussquoten sind beim Rehwild immer und bei den anderen wiederkäuenden Schalenwildarten im gesetzlichen Rahmen möglich.
  10. Direkt bei Wiederaufforstung oder Sukzession sind ausreichend Jagdschneisen einzuplanen, damit auch in den besonders kritischen Folgejahren die allseits geforderte intensive Bejagung erfolgen kann. Die Lage solcher Schneisen sollten von Waldeigentümern und Jagdausübungsberechtigten gemeinsam vor Ort festgelegt werden. Diese gemeinsame Abstimmungsarbeit hat sich bereits bei der Wiederaufforstung nach dem Jahrhundertsturm Kyrill bewährt.
  11. In NRW sind bewährte Bejagungsstrategien zur Unterstützung landesweiter Wiederaufforstungsmaßnahmen seit Kyrill bestens bekannt und beschrieben. Sowohl die Empfehlungen für die Wiederbewaldung der Orkanflächen in Nordrhein-Westfalen (2007) als auch das Waldbaukonzept NRW (2018) als Umsetzungsprojekt im Rahmen der Klimaanpassungsstrategie Wald NRW enthalten wissenschaftlich basierte und praxiserprobte Handlungskonzepte, auf deren Basis auch die aktuelle Aufgabe gemeistert werden kann.
  12. Der Landesjagdverband NRW ist selbstverständlich bereit, wie nach Kyrill, gemeinsam mit der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung NRW und der Forstpartie vermehrt Aufklärungs- und Fortbildungsarbeit für alle Betroffenen zu leisten.