Vogelstudie: Falsche Interpretationen helfen niemandem

Von Sabine Leopold, agrarheute am Donnerstag, 06.02.2020 – 12:18

Die kürzlich veröffentlichte Vogelstudie des BfN sorgt für bedenkliche Schlagzeilen. Dabei hilft Alarmismus niemandem, auch nicht den Vogelbeständen. Ein Kommentar.

Spiegel online teaserte gestern unter der Schlagzeile „Vogel frei“, dass die Zahl der Brutvögel in Deutschland binnen 24 Jahren um bis zu 90 Prozent zurückgegangen sei. Das ist ein – sagen wir mal – ziemlich kreativer Umgang mit dem, was die aktuelle BfN-Vogelstudie hergibt. Tatsächlich beziehen sich besagte 90 Prozent nur auf zwei Vogelarten: Rebhuhn und Kiebitz. Über alle Brutvogelarten hinweg betrug der Bestandsrückgang seit 1996 rund acht Prozent. Das schreibt Spiegel online zwar auch noch weiter unten im Text. Den hübschen Teaser ließ man sich von Fakten aber lieber nicht verderben.

Informieren vorm interpretieren

Die Vogelstudie, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN), die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelwarten (LAG VSW) und der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) gemeinsam in Auftrag gegeben haben, bietet wichtige Informationen – vorausgesetzt, man liest aus ihr nicht nur das heraus, was man lesen will.

Tatsächlich sinken die Vogelbestände noch immer. Das ist besorgniserregend und verlangt Maßnahmen, die dem Verlust entgegensteuern. Falsch ist aber den Studienergebnissen zufolge, dass dieser Abwärtstrend ungebrochen sei. Laut Bericht hat Deutschland in 24 Jahren, von 1992 bis 2016, insgesamt rund 14 Mio. Brutvögel verloren – die meisten davon allerdings in der ersten Hälfte dieses Zeitraumes. In den zwölf Jahren zwischen 2002 und 2016 verzeichnete ein Drittel der hier brütenden Vogelarten Bestandsverluste, die restlichen zwei Drittel blieben stabil oder erholten sich. Insgesamt, so das Resümee, sei die Lage in dieser Zeitspanne „ausgeglichen“.

Trendwende in Waldgebieten

Nicht ganz nachvollziehbar ist auch die Einschätzung, dass die Verluste vor allem das „Offenland“, also Felder und Wiesen, betreffen. Laut Studie verschwanden seit 1992 rund 4 Mio. Brutvögel aus dem Offenland, aber gleichzeitig auch 5 Mio. aus dem Siedlungsbereich und – nicht erwähnt, aber nach Adam Riese zu errechnen – weitere 5 Mio. aus dem Wald.

Es scheint also richtiger zu sein, dass im vergangenen Vierteljahrhundert überall deutliche Vogelverluste zu verzeichnen waren. Im Siedlungsbereich konnte dieser Prozess allerdings inzwischen weitgehend gestoppt werden. Hier sind die Bestände inzwischen stabil. Und im Wald steigen die Vogelpopulationen sogar wieder. Die Gründe dafür sind laut Vogelbericht noch unbekannt.

Sind große Flächen das Problem?

Woran aber liegt es, dass in der hiesigen Agrarlandschaft noch immer die Brutvogelbestände zurückgehen?

Für Lars Lachmann, Vogelschutzexperte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ist die Lage eindeutig: „Die meisten dieser Arten leiden unter einer Entwicklung, die wir insgesamt als ‚Intensivierung der Landwirtschaft‘ bezeichnen können. […] Dazu gehört die zunehmende Maschinisierung der Landwirtschaft mit immer größeren Feldern, die immer weniger Restflächen wie Feldraine und Wegränder oder Hecken und Baumreihen übrig lässt, genauso wie der Wegfall von Brachflächen.“

Aber wie erklärt es sich dann, dass die Artenvielfalt dem Vogelbericht zufolge im Nordosten unseres Landes – also dort, wo historisch bedingt mit schweren Maschinen auf großen Feldern gearbeitet wird – deutlich höher ist als im agrarisch kleinteilig strukturierten Südwesten? Und wenn der Maschineneinsatz tatsächlich ein Problem ist, welche Alternative der Feldbearbeitung bliebe dann noch? Wo doch Pflanzenschutzmittel zunehmend verpöhnt sind?

Ein eingleisiger Blick auf die Ursachen könnte dem Vogelschutz einen Bärendienst erweisen.

Beutegreifer bleiben unbeachtet

Denn während sich die Zeigefinger wieder einmal auf die Landwirtschaft richten, bleiben andere Fakten unbeachtet.

Beutegreifer wie Fuchs, Marder, Waschbär und zunehmend auch Mink und Marderhund machen vor allem Bodenbrütern und ihren Gelegen zu schaffen. Mehrere Millionen Freigänger-Hauskatzen tun ein Übriges.

Und auch aus der Vogelwelt selbst kommt Druck. Das Bejagungsverbot von Rabenvögeln sorgt bei diesen Arten für wachsende Populationen. Um aber ihre Brut durchzubringen, plündern Elstern und Krähen mit Vorliebe Singvogelnester.

Tierschutz-NGOs schauen allerdings meist mit gemischten Gefühlen auf diese Eier- Und Vogelfresser, schließlich will man Mitglieder und Spender nicht mit Aktionen gegen Hauskatzen oder Raubwild vergrämen.

Gemeinsam agieren, statt Bauernopfer suchen

Heiß diskutiert und noch immer nicht abschließend geklärt ist die Rolle der Windparks im Lande. Die Rotoren stehen nicht nur im Verdacht, für Abertausende Vogelverluste verantwortlich zu sein. Mittlerweile gibt es auch Untersuchungen, die ihnen einen gehörigen Anteil am Insektenschwund bescheinigen.

Die Gründe für die Verluste in den Feldvogelpopulationen dürften also vielfältig sein. Um die Probleme wirksam zu bekämpfen, braucht es eine objektive Analyse und gemeinsame Anstrengungen von Naturschützern, Landwirten und Vogelfreunden – und keine Pauschalvorwürfe oder Knallerschlagzeilen.