Umgang mit dem Wolf: Gefährlicher Dornröschenschlaf

Von Sabine Leopold (agrarheute)

Wölfe sind in Deutschland längst nicht mehr nur scheue Waldbewohner. Immer öfter und mit immer weniger Angst wagen sie sich in menschliche Nähe. Das ist für die Weidetierhaltung längst ein massives Problem. Aber auch für den Menschen und für den Wolf selbst droht ein Fiasko, wenn nicht bald etwas geschieht. Ein Kommentar.

Kein Wildtier in Deutschland bekommt so viel mediale Aufmerksamkeit wie der Wolf. Waren es in den vergangenen Jahren jedoch vor allem Landwirtschaftsmedien, die sich mit dem Graupelz befassten, streift der Wolf inzwischen regelmäßig auch durch Tageszeitungen und Nachrichtensendungen.

Kein Wunder: Wölfe kommen immer öfter auch in Menschennähe. Denn für den Wolf wird es eng. Wortwörtlich genommen. Um sich eigene Territorien zu suchen, bleiben den Jungwölfen immer öfter nur besiedelte Gegenden. Dabei sind Konflikte vorprogrammiert, auch außerhalb der bereits stark betroffenen Weidetierhaltung.

Am Wolfsmanagement hierzulande ändert das allerdings bislang fast nichts. Noch immer diskutieren Wolfsbefürworter und Wolfsgegner sich die Köpfe heiß, ohne dass Bewegung in die Materie käme. Jeder wegen Verhaltensauffälligkeiten – sprich Weidetierrisse – zum Abschuss freigegebene Graupelz wird zum Fanal des Artenschutzes, so als sei er einer der letzten seiner Art.

Deutschland: neue Territorien für Jungwölfe gesucht

Dabei wächst die Population munter weiter. Um rund 30 Prozent jährlich sind die Wolfsbestände deutschlandweit seit 2015 gestiegen. Die Zahlen stammen aus den offiziellen Erfassungen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW).  

Diese Bestandszunahmen bedeuten bislang vor allem, dass sich der Wolf ausbreitet, neue Regionen besiedelt. In jedem Frühjahr macht sich der Wolfsnachwuchs vom vorletzten Jahr auf und sucht ein eigenes Territorium. Und von die Jungwölfen gibt es Jahr für Jahr mehr.

Im Beobachtungszeitraum 2019/20 wurden hierzulande insgesamt 431 Welpen erfasst. Spätestens im nächsten Jahr sucht ein Großteil dieser Tiere ein eigenes Territorium, das nach Angaben der DBBW in Mitteleuropa zwischen 100 und 350 km² groß ist. Dort tun sie sich mit einem Partner zusammen und gründen ein eigenes Rudel, das in wenigen Jahren ebenfalls Welpen erzeugt. Für 2022 heißt das: Rund 200 neue Territorien gesucht!

Doch menschenleere Rückzugsgebiete, wie sie der Beutegreifer bevorzugt, werden knapp. Und Wolfsbegegnungen wie kürzlich in Lohne nehmen zu.Mehr zum ThemaWölfe kommen in die Städte

Wolf: Einfach die Entwicklung abwarten?

Der Wolf wird also auch für Nichtlandwirte immer öfter vom virtuellen Artenschutzsymbol zur reellen Alltagsbegegnung. Aber ist denn das wirklich so schlimm? Läuft der Graupelz eben durch Dörfer und Städte. Und wenn er dabei gelegentlich einen Schoßhund abgreift, verliert vielleicht auch die landferne Bevölkerung ein bisschen von ihrer Wolfsbegeisterung – hofft wohl so mancher Weidetierhalter in schlaflosen Nächten.  

Die mögliche Höchstgrenze der Wolfspopulation in einer Region hängt immerhin stark von der gesellschaftlichen Akzeptanz ab. Das erklärte Stefan Nilles vom Wolfsbüro Niedersachsen bei einer online-Podiumsdiskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung am 23. März.

Warten wir also einfach ab, bis die Anzahl der Graupelze und möglicher Übergriffe für genügend Widerstand in der Bevölkerung sorgt? Das halte ich für einen gefährlichen Dornröschenschlaf.

Weidetierhaltung in Gefahr

Denn zum Einen besteht natürlich längst die sehr reelle Gefahr für den Fortbestand der Weidetierhaltung.

Dass mit dem, was gemeinhin als „wolfssichere Einzäunung“ gilt, Wolfsangriffe nicht sicher zu vermeiden sind, ist längst bewiesen. Das ist auch logisch, denn während bei einer weiteren Bestandsvermehrung Wolfsterritorien nach Ansicht von Fachleuten aus Platzmangel durchaus kleiner als die bisher angesetzten 100 bis 350 km² werden könnten, bleibt die Frage nach der ausreichenden Futterversorgung. Und immer mehr Wölfe begreifen, dass auf eingezäunten Weiden sehr viel bequemer Beute zu machen ist als im Wald.  

Doch selbst, wenn man von den Problemen der Landwirtschaft komplett absieht, ist ein unkontrolliertes Wachstum der Wolfspopulation eine Zeitbombe.  

Nutztierrisse sind nur der Beginn der Probleme

Zwar weist der niedersächsische Wolfsexperte Nilles mit Recht darauf hin, dass – trotz teils fünfstelliger Wolfspopulationen in verschiedenen Regionen der Welt – in den vergangenen 50 Jahren insgesamt nur acht durch (nicht tollwütige) Wölfe getötete Menschen verzeichnet wurden.

Doch ein anderer Fachmann in Sachen Wolf, der kanadische Biologe Valerius Geist, zweifelt an diesen Zahlen. Seiner Meinung nach wurde der Wolf in den vergangenen Jahrzehnten bewusst verharmlost, um den Menschen die Angst zu nehmen. Geist geht davon aus, dass in Kanada und den USA Wolfsattacken auf Menschen nicht kommuniziert werden, um dem Naturtourismus nicht zu schaden.

Das Verhalten der Beutegreifer eskaliere jedoch vielerorts, weil der Mensch sich nicht mehr gegen Übergriffe zur Wehr setze. Der Angriff auf Weidetiere sei nur der Anfang der Entwicklung.

Wolfssituation in Deutschland nicht vergleichbar

Geists Einschätzungen beruhen weitgehend auf eigenen Beobachtungen, denn anwendbare Untersuchungen zum veränderten Wolfsverhalten gibt es wenige. Und genau da liegt meines Erachtens der Hase im Pfeffer: Für die gegenwärtige Situation speziell hier in Deutschland gibt es kaum Vergleichswerte.

Einerseits ist weltweit und auch historisch betrachtet kein Beispiel bekannt, in dem Wölfe in einem derart dicht be- und stark zersiedelten Land in so hoher Dichte auftraten. Tatsächlich liegt der Wolfsbesatz in einigen Bundesländern (Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt) mit an der Weltspitze.

Gleichzeitig hat Deutschland kaum unberührte Flächen, ist also nicht mit Sibirien oder Alaska zu vergleichen. Begegnungen und nachfolgend Konfrontationen mit dem Menschen sind damit unvermeidlich.

Wölfe in Deutschland: Die Ängste der Landwirte

Noch nie war der Wolf so bedingungslos geschützt

Andererseits steht dieser räumlichen Situation ein historisch neuer Fakt gegenüber: Noch nie war der Wolf so bedingungenlos geschützt wie hier und jetzt.

Der Beutegreifer wurde jahrhundertelang massiv bejagt, was fast zu seiner Ausrottung geführt hat. Jetzt sind wir ins gegenteilige Extrem verfallen: Wölfe dürfen nicht einmal mit nachhaltigem Effekt in die Flucht geschlagen werden. Geschützt ist geschützt, auch vor Angst und Stress.

Der intelligente und anpassungsfähige Beutegreifer lernt also seit einigen Generationen zwei Dinge: Die Nähe des Menschen birgt keine Gefahr. Und sie bietet ein reichhaltiges Buffet – zunächst an Weidetieren. Was den Wolf allerdings auf Dauer davon abhalten sollte, sich auch an Hunden, Katzen – und ja: auch an Menschen! – zu vergreifen, ist nicht nur dem kandischen Biologen Valerius Geist ein Rätsel. Die „grundlegende Scheu“ vorm Menschen hat er vielerorts schon heute abgelegt.

Bewusste Vermittlung eines falschen Naturbilds

Dennoch pflegt der Wolf heute das Image der Harmlosigkeit. Vor allem Kindern wird das so vermittelt. Wer beim Video vom Wolf in Lohne genau hinhört, stellt fest, dass nur die Intervention des Vaters das Kind davon abhält, dem spannenden Wolf zu folgen, um ihm „zu helfen“. Das wird von Wolfsschützern bejubelt. Das Kind sei klüger als der Vater.

Liebe Wolfsbegeisterte: Das ist bestürzend. Wie wenig muss man von (Wild-)Tieren verstehen, um nicht zu wissen, wie schnell die sich in die Enge getrieben fühlen. Und wie wenig muss man Wölfe kennen, um sie tatsächlich mit Eichhörnchen zu vergleichen, die ja schließlich auch durch die Stadt streiften, wie das Naturschutzprojekt Felis-Lupus das auf Facebook tat?

Menschen zum Naturschutz zu erziehen, ist wichtig. Aber ihnen dabei beizubringen, Natur sei stets freundlich, harmlos und unbegrenzt und überall wünschenswert, ist sträflich. Vor allem hinsichtlich dieser Art von (spendenträchtiger) Öffentlichkeitsarbeit müssen die Verantwortlichen reagieren, bevor es wirklich zu einer Katastrophe kommt.

Denn ein realistisches Naturverständnis schützt nicht nur den Menschen und seine Tiere vorm Wolf, sondern langfristig vor allem auch den Wolf vorm Menschen. Sonst werden wir wirklich erleben, dass die Stimmung kippt. Und das badet dann auch der Wolf aus.